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SCHÜLERIN VON JOSEPH BEUYS LIEBT DAS MEHRDEUTIGE

Grünwald – Eine Künstlerin, die zwischen den Welten wandelt: „Weltliteratur – Visionen und Interpretationen“ lautet der Titel der Ausstellung von Elisabeth Kröll aus Sauerlach. Im Grünwalder Bürgerhaus Römerschanz stellt sie Aquarelle, Collagen, Graphit- und Tuschzeichnungen sowie Mischtechniken auf Leinwand und Papier aus.

Neben dem künstlerischen Können – einem anscheinend mühelosen Umgang mit Farben und Zeichenstift – ist es die Vielseitigkeit, die Krölls Arbeiten auszeichnen. Die Umrisse ihrer Figuren fließen ineinander, sie entstehen auseinander oder lösen sich ineinander auf. So kann eine Figur mehrere gleichzeitig darstellen.

Kröll, die eine Schülerin von Joseph Beuys war, liebt alles, was anders ist: das Mehrdeutige und Skurrile – alles, was mit Wandlung, Verwirrspiel, Maskerade und Zauberei zu tun hat.                           

Bei der Übersetzung von Literatur in bildende Kunst geht es der Sauerlacherin um das Aufspüren tieferer Ebenen und innerer Zusammenhänge. „Das Geheimnis jeder großen Kunst ist ihre besondere Kraft, der ich in Gedanken und Visionen nachspüre und in meiner eigenen Ausdrucksform, der Sprache der bildenden Kunst, sichtbar machen will“, erklärt Kröll. Ihre Bilder sind in der Auseinandersetzung mit Werken drei großer Dichter entstanden: Goethes „Faust“, Ovids „Metamorphosen“ und Puschkins „Mozart und Salieri“. Seit ihrer Studienzeit ist Elisabeth Kröll vom Mammutwerk „Faust“ fasziniert. Dieses große Drama der Weltliteratur thematisiert alles, was den Menschen im Tiefsten bewegt. Es gibt kaum einen Seins- oder Gefühlszustand, der nicht beschrieben wird. Und je tiefere Einblicke man bekommt, desto größere Geheimnisse eröffnen sich“.

Für ihre Arbeiten hat sie sich „Faust II“ gewidmet, mit dem Fokus auf Szenen, in denen Wirklichkeit und Traum ineinanderfließen. Für Kröll eine wahre Fundgrube sind beispielsweise die Walpurgisnacht mit einer Fülle von Fabelwesen oder die Karnevalszenen mit Maskierten, Mädchenfängern und Musikanten. „Und immer bestimmt Mephisto sowohl als Narr als auch als Zauberer das Geschehen“.

Bei Puschkins Novelle „Mozart und Salieri“ geht es der Künstlerin nicht um den äußeren Handlungsablauf. Sie ist an dem Dahinter interessiert: an der psychologischen Deutung der Charaktere, es geht ihr „um das Genie und seinen Schatten und um Gedanken und Träume“.

Die Fülle an Emotionen, die Kröll wunderbar mittels Pinsel oder Zeichenstift auf Papier und Leinwand „übersetzt“, fasziniert sie auch an Ovids Werk. „Die Orpheus-Sage ist zum großen Mythos geworden, weil sich alle Gefühle der Menschen – Liebe, Hoffnung, Angst und Verzweiflung – darin widerspiegeln“.

Bernadette Heimann, Münchner Merkur 2012

 

SCHWEBENDE LEICHTIGKEIT UND PHANTASIEVOLLER WITZ

Zeichnerische Qualitäten verbinden sich in Elisabeth Krölls Bildern mit Reife und Witz. Die teils quirlend lebendigen, teils sehr berührenden Werke sind zur Zeit in der Starnberger Galerie Weiß zu sehen.

Goethe soll der Meinung gewesen sein, einzig seine Farbenlehre zähle als das große Werk in seinem Leben. Doch die Generationen danach sind sich einig. Es ist der „Faust“. Goethe habe damit, schreibt Professor Otto Mann in seiner „Deutschen Literaturgeschichte“, das Zeugnis seines eigenen Reifens gegeben, indem er die großen Strömungen seiner Zeit in der Einheit seiner Persönlichkeit zusammenfasste. „Die große Dichtung werde bis heute immer neu in Frage gestellt und neu als eine mögliche Sinngebung der Welt verstanden“. Für zahlreiche Maler wurde der „Faust“ zum Thema. Elisabeth Kröll, Schülerin der Professoren K.O. Götz und Joseph Beuys an der Düsseldorfer Kunstakademie, geriet vor einigen Jahren im Rahmen einer Themenvorgabe in den Sog des „Faust“. Die Faszination hat sie bis heute nicht losgelassen. Ein kleiner Ausschnitt aus ihren Arbeiten ist jetzt in der Galerie Weiß in Starnberg zu sehen. Es ist eine der schönsten und gehaltvollsten Ausstellungen der Galerie in den mehr als dreißig Jahren ihres Bestehens geworden.

Elisabeth Kröll, die seit 1987 mit ihrer Familie in Sauerlach lebt, hat künstlerische Gaben, die nicht häufig anzutreffen sind. Sie zeichnet mit Rötelstift und Sepiapinsel, mit Kreide und Tusche in einer geradezu absoluten schwebenden Leichtigkeit und figürlichen Sicherheit. Ihre Figuren drücken selbstverständlich und mühelos eine riesige Vielfalt von Gefühlen aus. In beredter, doch nie überzogener Körpersprache stehen sie zueinander in spannungsvoller Interaktion.

Der Betrachter muss sich nie fragen: Was passiert denn hier? Oder, noch schlimmer: Was will der Künstler sagen. Es ist ihm augenfällig. Allein die einfarbigen Tuschezeichnungen auf Papier, die von Nereiden und Tritonen, verführerischen Hexen, siegesgewissen Mannsbildern mephistophelischer Prägung, von Mummenschanz und Walpurgisnacht künden, sind ein Schatz. Zeichnerische Qualitäten mit diesem Hintergrund an Reife und überquellend phantasievollem Witz gleichermaßen wagt man heute kaum noch zu erwarten.

Doch ist nicht nur quirlende, vieldeutige Lebendigkeit zu sehen. Es gibt auch sehr berührende Blätter, darunter ein Portrait der Margarethe in Graphitstift, das die tiefe Verzweiflung und das für sie nicht mehr auslotbare Leid der Gefallenen und Fallengelassenen deutlich macht. Hier hat die Malerin ihre Technik gewechselt. Dies Gesicht wächst aus einer strengen konzentrierten Schraffur heraus. Intuitiv wusste sie, dass sie hier mit dem leichtfüßigen dahineilenden Stift nicht ansetzen konnte.

Diese Fähigkeit, die zeichnerischen und malerischen Mittel und die Techniken der Aussage unterzuordnen, und das ohne jeden intellektuellen „Krampf“, ist eine weitere Gabe der Künstlerin. Ihr Osterspaziergang ist ein zartes, flächig aufgefasstes Bild von Landschaft und österlich verheißungsvoller Himmelsstimmung. Hier spielen Figuren so gut wie gar keine Rolle.

Ein wenig verwandt sind einige Versionen der Walpurgisnacht, die die Malerin in eine zur Landschaft hin offene Höhle legt. Glückliche Paare sind ineinander versunken, und Verlockung als ein reines lebensspendendes Gefühl wird bildhaft.

In den großformatigen, farbigen Arbeiten kann der Betrachter sich verlieren. Er wird immer wieder neue Blickwinkel und Verknüpfungen entdecken und gleichzeitig festgehalten sein von der großen Bewegung, die jeweils das Bild durchzieht. Margarethe im Dom beugt sich in demutsvollem Gebet, bereit zu sühnen. Ist sie nicht auch die Gottesmutter als Piéta, mit dem Sohn auf dem Schoß? Weiß ihr Körper noch von der Lust, deren Resultat der Fötus in ihrem Leib ist? Der Verführer umfängt sie noch einmal, selbst an diesem heiligen Ort.

In einem erst vor wenigen Tagen fertiggestellten Bild in Kreidetechnik, das sich mit der „Hexenküche“ auseinandersetzt, verbinden sich Köpfe, Figuren, Fratzen und Symbole aus Mythos und Alchemie. Auch das gelingt. Überschneidungen sind zeichnerisch gemeistert und Abstufungen in Violett geben einer in die Tiefe weisenden Lichtführung eine Chance.

Ingrid Zimmermann,  Süddeutsche Zeitung 1993