Mit freundlicher Genehmigung der Journalistin Ingrid Zimmermann wurde aus der umfangreichen Pressemappe folgender ungekürzte Artikel aus dem Feuilleton der Süddeutsche Zeitung ausgewählt :



SCHWEBENDE LEICHTIGKEIT UND PHANTASIEVOLLER WITZ

Zeichnerische Qualitäten verbinden sich in Elisabeth Krölls Bildern mit Reife und Witz. Die teils quirlend lebendigen, teils sehr berührenden Werke sind zur Zeit in der Starnberger Galerie Weiß zu sehen.

Goethe soll der Meinung gewesen sein, einzig seine Farbenlehre zähle als das große Werk in seinem Leben. Doch die Generationen danach sind sich einig. Es ist der " Faust". Goethe habe damit, schreibt Professor Otto Mann in seiner" Deutschen Literaturgeschichte", das Zeugnis seines eigenen Reifens gegeben, indem er die großen Strömungen seiner Zeit in der Einheit seiner Persönlichkeit zusammenfasste. "Die große Dichtung werde bis heute immer neu in Frage gestellt und neu als eine mögliche Sinngebung der Welt verstanden". Für zahlreiche Maler wurde der "Faust "zum Thema. Elisabeth Kröll, Schülerin der Professoren K.O. Götz und Joseph Beuys an der Düsseldorfer Kunstakademie, geriet vor einigen Jahren im Rahmen einer Themenvorgabe in den Sog des "Faust". Die Faszination hat sie bis heute nicht losgelassen. Ein kleiner Ausschnitt aus ihren Arbeiten ist jetzt in der Galerie Weiß in Starnberg zu sehen. Es ist eine der schönsten und gehaltvollsten Ausstellungen der Galerie in den mehr als dreißig Jahren ihres Bestehens geworden.

Elisabeth Kröll, die seit 1987 mit ihrer Familie in Sauerlach lebt, hat künstlerische Gaben, die nicht häufig anzutreffen sind. Sie zeichnet mit Rötelstift und Sepiapinsel, mit Kreide und Tusche in einer geradezu absoluten schwebenden Leichtigkeit und figürlichen Sicherheit. Ihre Figuren drücken selbstverständlich und mühelos eine riesige Vielfalt von Gefühlen aus. In beredter, doch nie überzogener Körpersprache stehen sie zueinander in spannungsvoller Interaktion.


Der Betrachter muss sich nie fragen: Was passiert denn hier? Oder, noch schlimmer: Was will der Künstler sagen. Es ist ihm augenfällig. Allein die einfarbigen Tuschezeichnungen auf Papier, die von Nereiden und Tritonen, verführerischen Hexen, siegesgewissen Mannsbildern mephistophelischer Prägung, von Mummenschanz und Walpurgisnacht künden, sind ein Schatz. Zeichnerische Qualitäten mit diesem Hintergrund an Reife und überquellend phantasievollem Witz gleichermaßen wagt man heute kaum noch zu erwarten.

Doch ist nicht nur quirlende, vieldeutige Lebendigkeit zu sehen. Es gibt auch sehr berührende Blätter, darunter ein Portrait der Margarethe in Graphitstift, das die tiefe Verzweiflung und das für sie nicht mehr auslotbare Leid der Gefallenen und Fallengelassenen deutlich macht. Hier hat die Malerin ihre Technik gewechselt. Dies Gesicht wächst aus einer strengen konzentrierten Schraffur heraus. Intuitiv wusste sie, dass sie hier mit dem leichtfüßigen dahineilenden Stift nicht ansetzen konnte.

Diese Fähigkeit, die zeichnerischen und malerischen Mittel und die Techniken der Aussage unterzuordnen, und das ohne jeden intellektuellen "Krampf", ist eine weitere Gabe der Künstlerin. Ihr Osterspaziergang ist ein zartes, flächig aufgefasstes Bild von Landschaft und österlich verheißungsvoller Himmelsstimmung. Hier spielen Figuren so gut wie gar keine Rolle.

Ein wenig verwandt sind einige Versionen der Walpurgisnacht, die die Malerin in eine zur Landschaft hin offene Höhle legt. Glückliche Paare sind ineinander versunken, und Verlockung als ein reines lebensspendendes Gefühl wird bildhaft.

In den großformatigen, farbigen Arbeiten kann der Betrachter sich verlieren. Er wird immer wieder neue Blickwinkel und Verknüpfungen entdecken und gleichzeitig festgehalten sein von der großen Bewegung, die jeweils das Bild durchzieht. Margarethe im Dom beugt sich in demutsvollem Gebet, bereit zu sühnen. Ist sie nicht auch die Gottesmutter als Piéta, mit dem Sohn auf dem Schoß? Weiß ihr Körper noch von der Lust, deren Resultat der Fötus in ihrem Leib ist? Der Verführer umfängt sie noch einmal, selbst an diesem heiligen Ort.

In einem erst vor wenigen Tagen fertiggestellten Bild in Kreidetechnik, das sich mit der "Hexenküche" auseinandersetzt, verbinden sich Köpfe, Figuren, Fratzen und Symbole aus Mythos und Alchemie. Auch das gelingt. Überschneidungen sind zeichnerisch gemeistert und Abstufungen in Violett geben einer in die Tiefe weisenden Lichtführung eine Chance.